Wernfried Hübschmann


Wernfried Hübschmann, geboren 1958 in Regensburg/DE

 

1981-1987 Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte in Regensburg und Tübingen

1982-1986 Studium der Sprecherziehung/Sprechwissenschaft (DGSS) in Regensburg

 

Dichter, Essayist, Sprecher; journalistische Arbeiten und beratende Tätigkeit als Führungskräfte-Coach, Mediator und Moderator. Kooperationen mit bildenden Künstlern und Musikern

 

Zuletzt publiziert:

Nachrichten aus dem Inneren der Stimme. Gedichte, mit Tuschezeichnungen von Georges Ounanouou, edition promenade, Fürth/Metz 2013, 80 Seiten

Dunkle Flecken auf blauem Grund. Gedichte, mit Zeichnungen von Baptist Verdoliva, edition promenade, Fürth/Metz 2014, 72 Seiten

Träume sind Türme schmelzenden Eises. Gedichte, mit Monotypien von Clemens Lang, edition promenade, Fürth/Metz 2016, 64 Seiten

 

 Wernfried Hübschmann: Trilogie. Gedichte: Die drei Bände "Nachrichten aus dem Inneren der Stimme", "Dunkle Flecken auf blauem Grund" und "Träume sind Türme schmelzenden Eises" in einer Sonderedition im kartonierten Schuber, mit einer Monotypie von Clemens Lang bedruckt, limitierte Auflage.

 

Wiesentalgedichte. Gedichte sowie der Essay "Dauernder Aufenthalt. Über Heimat, Herkunft und Wohnen“, mit Fotografien von Konrad Grund, Drey Verlag, Gutach, 2017, 112 Seiten.

 

Mitgliedschaften: Verband deutscher Schirftsteller VS, Hölderlin-Gesellschaft, Columban e.V., Schopfheim


"Goyas Bildsprache ist zutiefst menschlich und empathisch, auch und gerade dort, wo sie das unfassbar Grausame, Schmerzhafte und Unmenschliche zeigt."


DIE BLINDHEIT DER BLICKE

Zur Schubumkehr des Sehens in der Kunst

 

Geht es nicht um diesen einen, einzigen Augenblick?

 

Wenn ich nicht mehr sehe, nicht mehr das sezierende Auge Ausschau hält nach Farben und Formen, Objekten und Opfern, dem, was betrachtet werden kann, erfasst, vereinnahmt, von begierigen Blicken zerrissen und zerschlissen bis zur Unkenntlichkeit. Da ist die Welt des Außen, ein Abgesandter des Innen organisiert sich die Landschaft, legt sich die Straßen und Städte zurecht, ordnet, justiert, zielt und drückt ab. Sehen ist ein aggressiver Akt, eine Bemächtigung, eine Eroberung, eine Unterwerfung der Welt. Blicke sind Pfeile. Sie können treffen und töten, sie können ins Leere gehen oder ins Schwarze. Sie sind, einmal abgefeuert, nicht wieder einzufangen, sie kommen nicht mehr zurück. Das Sehen ist ein Kampf und manchmal ein Krieg, den unsere Augen führen gegen die anbrandende Welt, und irgendwann sind wir müde vom Schauen und unser Köcher ist leer und wir stehen verwaist auf der Klippe und sehen das Meer und den Dampf und die Gischt und dann nichts mehr ... und dann!

 

Dann, vielleicht, wenn wir nur lange genug auf einen Punkt starren und ihn bannen oder das Winken der Blätter, wenn ein lauer Wind weht und die heimliche Agogik des Baumes (es ist eine Pappel), der Tanz der Einzelheiten unsere Willenskraft schwächt und die Fülle verschwimmt, wenn eine innere Richtinstanz schließlich aufgibt und sich hingibt dem, was uns umgibt, dann sehen wir nicht mehr, sondern werden gesehen, oder angeschaut und getroffen, sind angeschossen und taumeln wie ein waidwundes Tier und lecken die nässende Wunde, zu nichts mehr fähig als zur Vertiefung des Augenblicks im Blick eines Auges, das unsichtbar ist. Dann ist das Weiße im Auge die weiße Fahne des Kriegers, das Signal zum Ende des ungleichen Kampfes, und auf dem Schlachtfeld bleiben die Dinge zurück, zerstückt und zerstückelt, unbegriffene Fragmente des Fremden.

 

Dies ist die Schubumkehr des Sehens, heimlich erhofft und gefürchtet zugleich, denn sie bedeutet den Sturz in die Tiefe von den Klippen des Ichs, aus Fragmenten der Identität aufgeschichtete Quader und Brocken. Was folgt, ist der Fall. Sagte Wittgenstein nicht, die Welt sei, was „der Fall ist“? Aber dies ist ein anderer Fall durch eine andere Luft, weil das, was bisher gesehen wurde, nun dich anblickt und durchbohrt. Die Schubumkehr der Blicke führt dazu, dass du auf einmal die Fläche bist, preisgegeben als Zielscheibe allem, was bisher ein Außen war. Nun musst du loslassen, fliegen, und geschehen lassen, was ohnehin geschieht im Schauen und in der unbewussten Verschmelzung, und du weißt nicht, als wer du wieder auftauchst aus dem Schaum und ob das Schöne dich leben lässt und gelassen verschmäht, dich zu zerstören.

 

Du wirst erkannt, und das ist lustvoll und schmerzlich zugleich, „denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht“. Ein Gott will dich prüfen, und das, was gesehen und betrachtet wurde (was „Welt“ war), sieht nun dich an und hält die Luft in der Schwebe. Die Aufgabe des Auges ist, dass es aufgibt. Dass es dem Außen die Pforten öffnet ohne trojanisches Pferd. Der „Archaische Torso Apollos“ in Rilkes Gedicht sieht alles und alles an ihm ist Auge, obwohl und weil ihm das Haupt fehlt und mithin die Augen. Aber sie werden ergänzt in der archaischen Form, ein schauendes, fragendes Beispiel, ohne lebendigen Blick und ohne Arme auch und ohne Geschlecht und dennoch wirklicher, heftiger als das Alltagsbekannte und auf einmal ist dir alles Menschliche fremd, denn der Pfeil des Apollon hat dich durchbohrt. Diese Blindheit des Blicks ist der Schock der Erkenntnis, das andere Sehen um den Preis der eigenen Augen. Der Augenzeuge dieses Geschehens heißt in der griechischen Mythologie Teiresias, erblindet, um wirklich zu sehen

 

„Du musst dein Leben ändern“, lautet der stumme Aufruf der Kunst, der keinen Widerspruch duldet, des Bildes, der Skulptur. Du hast es schon geändert, hast beigedreht und schon Richtung genommen auf neues Gelände. Hast dich gefügt ins Unausweichliche, ohne zu wissen, was es ist und welche Schritte vonnöten sind. Du siehst nun anders und neu und der Himmel reißt auf, auch wenn der Blick noch verhangen ist von Schlieren und Schatten und die Gischt unter dir sich entfernt, als sei sie Teil einer Wolke.

 

 

Text © Wernfried Hübschmann