Joey Schmidt-Muller


Joey Schmidt-Muller, geboren 1950 in Basel, Schweiz

 

Schweizerisch/Australischer bildender Künstler der Traumatischen Sachlichkeit.

 

In seinen zeitlosen Werken stellt Joey Schmidt-Muller seine Weltanschauung dar. Er möchte dabei nicht imitieren, kopieren oder trivialisieren. Er vereinfacht seine Gedankensplitter nur so weit, um sie zu einer Komposition mehrdeutiger Aussagen und Botschaften zusammenzusetzen.

 

Es geht um die Unmittelbarkeit, Wahrheit, das Leben und den Tod. Seine Bilder jonglieren zwischen der Intensität ihres Ausdrucks und ihrer ästhetischen Komponente. Sie zeugen von einer Empfindsamkeit und gleichzeitig von einem bewussten Übertreten der Intimitätsgrenzen durch drastische und provokative Darstellungen. Der Künstler arbeitet mit Ölpastell auf Papier. Mittels der Abgrenzung von hell und dunkel, Licht und Schatten gibt er der Oberfläche eine Form und verdeutlicht mit angedeuteter Bewegung die Zeitlichkeit.

 

Joey Schmidt-Muller bezeichnet seine Stilrichtung als Denkmalerei - der Traumatischen Sachlichkeit,  Er will stimulieren, Intimität erzeugen und gleichzeitig bewusst ein distanzierter Grenzgänger sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mitgliedschaften: Visarte, Berufsverband für visuelle Kunst/Schweiz.

Kooperationen u.a. mit dem Dichter & Essayisten WernfriedHübschmann

 

1965-1966 Schule für Gestaltung & Kunst, Basel, CH

1966-1970 Grafische Ausbildung & Druck Technik, Basel, CH

1970-1972 Grafische Ausbildung, Zürich, CH & Kapstadt, Südafrika

1973-1974 Schule für Gestaltung & Kunst, Basel, CH

1965-1986 Kontakte zur Basler Kunstszene, die sein Frühwerk beeinflussten: Jean Tinguely (1925-1991) Paris/Basel. Fred Spillmann, Modedesigner (1915-1986), Paris/Basel

1987 Sydney, Australien

 

Zahlreiche Ausstellungen im In- & Ausland u.a.: Art Basel. Spectrum Miami. Art Revolution Taipei. XI. Biennale Florenz. XVII. Art Zürich. XVIII. Art Palm Beach. Kunstmesse Frankfurt. Kettenschmiede Museum & Kulturschmiede Fröndenberg, DE. Artexpo New York. Chan Liu Art Museum Taipei

 

Werke von Joey Schmidt-Muller (Pseud. bis 1986 "Josua") befinden sich in verschiedenen Kunstsammlungen der Schweiz, Israel, Deutschland/Sammlung Endress & Hauser und in der Carl Laszlo Kunstsammlung/HUN

 

Joey Schmidt-Muller ist Finalist 2018 & 2019 der Art Revolution Taipei, Taiwan und nominiert für den International Artist Grand Prize 2019 in Taipei/TWN

 

English text: Home, News, Publication, Works, Exhibition & Vita


"Mein Konzept der Traumatischen Sachlichkeit hat bei Goya seine Wurzeln. Ich spüre eine tiefe Seelen- und Wahlverwandtschaft zu Goya, der ich auf meine Weise Ausdruck verleihe".

Während heute viele Menschen bereit sind zu glauben oder zu akzeptieren, dass Kunst um der Kunst willen existieren kann, war Goya der Meinung, dass Kunst letztendlich etwas bewirken sollte.


DIE FRATZE EWIGER GEWALT

 

Zu Joey Schmidt-Mullers Triptychon "Goyas Erschießung der Aufständischen“ (2017-18) Hommàge à Goya, dreiteilig, 300cmx140cm, Ölpastell.

 

Joey Schmidt-Muller hat mit dem großformatigen Werk "Goyas Erschießung der Aufständischen“ ein eminent politisches Werk geschaffen. Wo hat man einen derart plakativen, unmittelbaren "Schrei“ zuletzt gesehen und gehört? Bei Werner Tübke, bei A.R. Penck vielleicht, bei Munch natürlich, bei Dix und Grosz. Zugleich rückt die Form des Triptychons diese 2017-18 entstandene Arbeit des Schweizer Künstlers in die Nähe biblisch-emblematischer Kirchenmalerei des späten Mittelalters. Und drittens ist der historische Zusammenhang relevant. Der Rückgriff über zwei Jahrhunderte ist nicht selbstverständlich, die Aktualisierung nicht ohne Risiko. Überhaupt an Goyas Bildsprache anschließen zu wollen, zeugt von Mut und die Hommàge von künstlerischem Selbstbewusstsein. Die implizit gestellte Frage muss lauten: Was hat sich verändert seit damals? Was hat die Menschheit gelernt? Sind wir wirklich "weiter“ – oder nur "später“?

 

Francisco de Goya y Lucientes (1746-1828) hat mit dem Gemälde "Die Erschießung der Aufständischen, 3. Mai 1808“ (gemalt 1813/14; Prado Madrid) einen neuartigen und schockierenden Gesichtspunkt in die europäische Malerei eingeführt: Die rückhaltlose, aufklärerische Identifikation des Betrachters mit dem Gesehenen, hier: das empathische Entsetzen über die dargestellte Szene, die standrechtliche Erschießung einer Gruppe von Aufständischen gegen die napoleonische Fremdherrschaft. Der Maler der "Los Caprichos“ und der "Desastres de la guerra“ war hier seinen Wurzeln in der spätfeudalen Kultur und dem strengen spanischen Hofzeremoniell längst entwachsen. Er hatte als Künstler nichts mehr zu verlieren. Sein Gemälde bekundet offen Solidarität mit den Freiheitskämpfern und spart nicht an Drastik und blutigen Details. In diesem Sinne ist es noch mutiger als der andere kunsthistorische Bezugspunkt: Edouard Manets Gemälde "Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexico“, gemalt 1868/69.

 

Joey Schmidt-Mullers Triptychon erweist dem großen Goya nun einerseits Reverenz und paraphrasiert zugleich dessen Thema. Die Zerlegung des Bildkorpus in drei Teile führt zu einer anderen, fragmentierten Wahrnehmung. "Zuviel ist seither geschehen". So wurden es am Ende drei Bilder, um die "Grausamkeit des Krieges aufzeigen“, bemerkt Schmidt-Muller im Gespräch. Bei Goya senken die Soldaten den Blick, während sie feuern. Bei Schmidt-Muller, der das Motiv quasi-naturalistisch übernimmt, ist es ebenso. Die Henker töten, aber sie schauen weg, sie wollen den Moment des Sterbens nicht sehen und dem Tod nicht ins Auge blicken. Die Albträume werden sich an ihnen rächen: der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer, auch in den Köpfen der Mörder. Das unschuldig-weiße Hemd der heroisch sich den Salven entgegenwerfenden Zentralfigur wird im nächsten Augenblick blutgetränkt sein. Die Soldaten ertragen die eigene Tat nicht. Sie werden von "post-traumatischen Belastungsstörungen“ (PTBS) gepeinigt werden. Das Nicht-Sehen der Soldaten zwingt uns als Betrachter zu umso intensiverem "Hinschauen".

 

Die mittlere Tafel ("Die Erschießung“) zeigt bei Schmidt-Muller den Augenblick vor der schrecklichen Tat. Die Täter bleiben gesichtslos. Am Boden vor den Soldaten liegt ein totes Kind, darunter ein verletzter, verstörter Kindersoldat. Die linke Tafel ("Die Ohnmacht“), die das Schweizerkreuz kritisch einarbeitet, konfrontiert uns mit dem Leiden der Menschen. Das Wiehern eines Esels durchhallt die Szenerie des Grauens. Die rechte Tafel („Die Unterdrückung“) kombiniert das bekannte Apfelsymbol mit dem Tell-Mythos, auch der Kapitalismus tötet. Die Freiheit hat ihre Pfeile freilich schon verschossen. Die rechte Hand des Gekreuzigten wird angedeutet, ein Mädchen flieht – das berühmte Foto aus dem Vietnamkrieg taucht im Bildgedächtnis auf. Joey Schmidt-Muller lässt keinen Ausweg offen, sein Geschichtsbild ist pessimistisch und gänzlich unsentimental.

 

Ob aus all dem Leid am Ende Läuterung erwächst und aus der Katharsis neue Klarheit, lässt Schmidt-Mullers schmerzgetränktes und zugleich eindrucksvolles Triptychon "Die Erschießung der Aufständischen“ offen. Mich lässt die fixe Idee nicht los, es in einem riesigen, fensterlosen White Cube mit Max Beckmanns "Auferstehung“ (1908/09) zu konfrontieren.

 

Text © Wernfried Hübschmann